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Mehr Süderelbe AG wagen!

In 20 Jahren hat die Süderelbe AG mehr als einmal bewiesen, dass die Region stark von ihr profitiert. Doch nach wie vor bläst ihr bei ihrer Arbeit der Wind oft ins Gesicht. Wieso ist das so? VON WOLFGANG BECKER

Wir schreiben das Jahr 2000. Die Einführung des Euro ist in vollem Gange und das heikle Millennium-Datum zumindest aus Sicht der IT-Verantwortlichen in den Unternehmen schadlos überstanden, ohne dass es zu dem befürchteten Blackout gekommen ist. Ein neues Jahrtausend hat begonnen. Höchste Zeit, sich Gedanken über die Zukunft Deutschlands insbesondere aus wirtschaftlicher Sicht zu machen. Und höchste Zeit, die Weichen für den Süden Hamburgs zu stellen, denn längst hat auch der Letzte verstanden, dass das prosperierende Industriezeitalter Geschichte ist. In dieser Gemengelage entsteht eine Idee, die gleichermaßen für Beifall und Unruhe sorgt: die Gründung einer länderübergreifenden Wachstumsinitiative, die sowohl im Süden Hamburgs als auch im Norden Niedersachsens, konkret: in den angrenzenden Landkreisen Harburg, Stade und Lüneburg aktiv wird. Das Ziel: konstruktive Kooperation statt Konkurrenz, regionales Handeln statt Kirchturmdenken. Fünf Jahre später wurde mit der Gründung der Süderelbe AG aus der Idee eine Institution.

Gründung sorgte auch für Unruhe

Während sich die Landkreisverwaltungen, die Sparkassen und einige Unternehmen nicht lange bitten ließen und den Gedanken an Public Private Partnership mit der Zeichnung von Aktien honorierten, sorgte der Gründungsakt vor allem bei denen für Unruhe, die das Thema Wirtschaftsförderung für sich reklamieren. Das waren die örtlichen Wirtschaftsförderer, die Kammern und die großen Player in Hamburg, die sehr genau beobachteten, was da im Süden passierte. Sowohl in der Wirtschaftsbehörde als auch in der Wirtschaftsförderungsgesellschaft (heute Hamburg Invest) waren die ungewöhnlichen Aktivitäten von Interesse und führten am Ende dazu, dass auch Hamburg zum Aktionär wurde – frei nach dem Motto: Wer mitmacht, hat Einfluss.

Die Frage nach der Daseinsberechtigung einer neuen Wachstumsinitiative trieb besonders die örtlichen Wirtschaftsförderer im niedersächsischen Teil um, denn sie mutmaßten zum einen, hier wolle jemand in ihrem Teich fischen. Außerdem hatte die AG-Gründung Züge eines Affronts, denn wenn es so eine Gesellschaft brauchte, dann habe man wohl seinen Job nicht richtig gemacht. Ein Dilemma – die Süderelbe AG war gefordert, sich ein eigenes Aufgabenfeld zu erarbeiten, ohne den Nachbarn wehzutun. So durfte sie beispielsweise keine Gewerbegebiete entwickeln. Dass es in Wahrheit um ein höheres Ziel, nämlich die Zusammenarbeit als Region in zwei Bundesländern, ging, musste beharrlich kommuniziert und umgesetzt werden.

Bis heute verstehen sich die Wirtschaftsförderungen als Werber und Kämpfer für ihre kommunalen Dienstherren. Das gilt für die WLH im Landkreis Harburg ebenso wie für die WLG Wirtschaftsförderung Lüneburg und – Achtung – die sehr differenzierte Förderkulisse im Landkreis Stade mit den separaten Wirtschaftsförderungen in Buxtehude, in der Stadt Stade und im Landkreis Stade. Drei institutionelle Akteure allein in einem Landkreis, die vor Ort Jobs schaffen und Unternehmen ansiedeln wollen – natürlich auch mit dem erklärten Ziel, die Gewerbesteuereinnahmen und das Einkommensteueraufkommen zu erhöhen. Dazu die Nachbarkreise und das übermächtige Hamburg sowie die (Industrie- und) Handelskammern, riesige Fische im regionalen Teich der Wirtschaft.

Strukturen als Hindernis

Die föderalen und kommunalen Strukturen stehen dem Konstrukt der Süderelbe AG, nüchtern betrachtet, entgegen. Jeder Wirtschaftsförderer freut sich ein Loch in den Bauch, wenn ihm oder ihr die Ansiedlung eines neuen Unternehmens gelingt. Selbst wenn das aus der Nachbarschaft kommt. Wettbewerb ist ein zutiefst verankerter Antrieb jedes Unternehmens. Und da Wirtschaftsförderungsgesellschaften am langen Ende wie Unternehmen Zahlen auf den Tisch legen müssen, um ihren Nutzwert gegenüber der Politik zu beweisen, schaut man zuerst auf die Erfolge vor Ort. So funktioniert das System. Nennen wir es beim Namen: Das sind die kapitalistischen Grundpfeiler, denen Deutschland seinen Wohlstand verdankt.

Die Grundidee der Süderelbe AG – man ist versucht, von einem sozialökonomischen Ansatz zu sprechen – ist eine andere. Hier stehen die Zeichen auf Zusammenarbeit, Kooperation und Kollaboration. Vor allem der SAG-Aufsichtsratsvorsitzende, Christoph Birkel, setzt dieses Prinzip im Technologiepark Tempowerk konsequent um. Warum? Weil er weiß, dass Zusammenarbeit allen und am Ende auch ihm nützt. Und weil er als Inhaber und Geschäftsführer entscheiden kann. Genau das aber kann die Süderelbe AG nur bedingt, weil das im Kern zukunftsfähige Konzept der regionalen Wirtschaftsförderung nicht konsequent zu Ende gedacht worden ist. Sowohl die SAG-Akteure als auch die Wirtschaftsförderer wurden von der Politik in Teilen alleingelassen. Denn die denkt häufig im Sinne von „Was bringt uns das?“ nach wie vor in ihren kommunalen Grenzen – ein Widerspruch.

Ein Job für „Diplomaten“

Vorstandschef Olaf Krüger und seinem Team bleibt viel Diplomatie sowie ein geschicktes Agieren zwischen den genannten Stühlen. Und die Bereitschaft Kompromisse zu schließen, wenn der lange Kampf um eine bessere finanzielle Ausstattung wie im Fall von foodactive zwar erhört wird, aber dem unter dem SAG-Dach über 20 Jahre erfolgreich aufgebauten Food-Cluster mit einer neugegründeten GmbH ein neues Gesicht gegeben wird. Dass die SAG vor diesem Hintergrund seit 20 Jahren am Markt ist und zahlreiche gemeinsame Projekte umgesetzt hat, spricht für sich und verdient höchsten Respekt.

Man muss auch gönnen können

Die Transformation der vielfältigen Wirtschaftsförderungslandschaft zu einem regionalen Player, der homogen nach außen auftritt, ist ein großes Ziel, aber noch nicht erreicht. Dazu wäre ein klares Bekenntnis aller Beteiligten nötig. Anders ausgedrückt: Das dicke Brett ist noch nicht durchbohrt. Die Notwendigkeit aber bleibt bestehen, denn für sich betrachtet, ist jede Wirtschaftsförderung nur ein kleiner Fisch im nationalen und erst recht im internationalen Geschäft.

Und ein Letztes: Wer Wirtschaft fördern will, muss Erfolge gönnen und teilen können. Stellen wir uns vor: BMW will im Landkreis Lüneburg ein neues Werk mit 1000 neuen Jobs bauen. Ist das eine positive Nachricht? Oder weckt sie Neid beim Nachbarn? Ein hypothetisches Beispiel, zugegeben. Aber die Antwort auf die Frage entscheidet über die Kollaborationsfähigkeit und damit über die Zukunft unserer heimischen Wirtschaft und unseres Wohlstandes. Willy Brandt würde sagen: Wir müssen mehr Süderelbe AG wagen!

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Wolfgang Becker, Gründer von Business & People. Foto: Lenthe Medien