Wie man die Süderelbe AG einem fünfjährigen Kind erklärt
Sie prägen seit vielen Jahren die Arbeit der Süderelbe AG: Aufsichtsratsvorsitzender Christoph Birkel (links) und Vorstand Olaf Krüger. Foto: Süderelbe AG
Seit 20 Jahren steht die Süderelbe AG für Zusammenarbeit über Grenzen hinweg – zwischen Städten, Kreisen und Ländern sowie zwischen Politik und Wirtschaft. Doch für Außenstehende ist die Organisation oft ein Rätsel. Im Gespräch erklären Aufsichtsratschef Christoph Birkel und Vorstand Olaf Krüger das Modell und zeigen zudem zukünftige Knackpunkte auf. VON TOBIAS PUSCH
Herr Birkel, Herr Dr. Krüger, zum Einstieg eine vielleicht etwas ungewöhnliche Frage: Im Netz gibt es einen Trend, der ELI5 heißt – Explain like I’m 5.
Wie würden Sie einem Fünfjährigen erklären, was die Süderelbe AG ist?
Birkel: Der wichtigste Grundsatz ist: Gemeinsam ist man stärker als allein. Im Leben müssen wir alle viele Fragen beantworten – und die kann keiner alleine lösen. In der Süderelbe AG tun wir uns deshalb zusammen: Unternehmen, Kommunen, Sparkassen, Bezirke und Landkreise. Gemeinsam bearbeiten wir die Themen, die uns in der Region beschäftigen – von Mobilität über Unternehmensansiedlungen bis hin zu Förderprojekten.
Krüger: Meine Kinder haben mich früher tatsächlich gefragt, was ich eigentlich beruflich mache. Leicht war das nicht zu erklären. Kurz zusammengefasst würde ich sagen: Wenn die Süderelbe AG ihre Arbeit gut macht, geht es den Menschen in der Region besser. Das heißt: Es gibt gute Arbeitsplätze, die auch erreichbar sind, und Investitionen in Zukunftstechnologien. Kurz: Wir bringen ein Stück Zukunft in die Region.
Und wenn wir es etwas technischer betrachten: Was unterscheidet die Süderelbe AG von einer klassischen Wirtschaftsförderung?
Krüger: Wir haben Schnittmengen, aber drei wesentliche Unterschiede. Erstens: Wir sind eine Public-Private-Partnership – also öffentliche Hand und private Unternehmen gemeinsam. Fast 90 Unternehmen sind bei uns Aktionäre. Zweitens: Wir arbeiten kreis- und länderübergreifend, zwischen Hamburgs Süden und Nordniedersachsen. Klassische Wirtschaftsförderungen sind meist auf eine Stadt oder einen Landkreis beschränkt.
Drittens: Wir erwirtschaften einen Teil unseres Budgets selbst – etwa über die Einwerbung von Fördermitteln. Die Aktionärsbeiträge sind die Basis, darauf setzen wir den Hebel an.
Birkel: Vor 20 Jahren war genau das – die länderübergreifende Arbeit und das PPP-Modell – absolutes Neuland. Es war eine echte Pionierleistung.
Ein weiterer Unterschied ist die Rechtsform: Die Süderelbe AG ist eine Aktiengesellschaft. Das ist in diesem Bereich eher ungewöhnlich. Warum diese Form?
Krüger: Es ist tatsächlich ungewöhnlich. Aber der große Vorteil ist, dass wir unkompliziert neue Aktionäre, also Gesellschafter, gewinnen können. Insgesamt gibt es 1.750 Aktien à 1.000 Euro, davon halten wir 112 noch im Bestand. Hauptaktionäre sind die vier Sparkassen der Region, also die Sparkasse Harburg-Buxtehude, die Sparkasse Lüneburg die Kreissparkasse Stade und die Sparkasse Stade-Altes Land, natürlich die drei Landkreise Harburg, Lüneburg und Stade, die Hansestadt Lüneburg, die Freie und Hansestadt Hamburg sowie die IHK Lüneburg-Wolfsburg. Damit haben wir eine solide Grundfinanzierung. Wir sind natürlich nicht börsennotiert, unterliegen aber wie jede Aktiengesellschaft in Deutschland dem deutschen Aktienrecht und führen beispielsweise jedes Jahr eine Hauptversammlung durch.
Und gibt es auch eine monetäre Dividende?
Birkel: Leider nein. Wir zahlen jährlich unseren Beitrag. Aber wir bekommen etwas zurück, das viel wertvoller ist: ein starkes Netzwerk, den direkten Draht zu Politik und Verwaltung, und die Möglichkeit, wichtige Themen nach vorn zu bringen. Für das von mir betriebene Tempowerk in Hamburg bedeutet das zum Beispiel ganz konkrete Vorteile für die ansässigen Unternehmen.
Krüger: Genau. Die „Dividende“ sind Kontakte, Projekte und manchmal sogar neue Aufträge. Vor allem aber ist es ein Commitment: Aktionär wird, wer die Region aktiv mitgestalten möchte.
Wer kann überhaupt Aktionär werden?
Krüger: Adressiert sind Unternehmen, Kommunen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen – also Organisationen mit Bezug zur Region. Einzelpersonen eher nicht.
Lassen Sie uns über konkrete Projekte sprechen.
Gibt es da eines, das die Arbeit der Süderelbe AG besonders gut illustriert?
Krüger: Ein schönes Beispiel ist die Ernährungswirtschaft. 2007 startete eine Initiative, die 2013 im Verein foodactive e. V. mündete. Heute sind dort fast 160 Mitglieder organisiert. Daraus entstand mit Hamburg die Food Cluster Hamburg GmbH – das erste Hamburger Cluster mit Sitz südlich der Elbe, bei uns der Süderelbe AG. Wir sind gemeinsam mit foodactive, der als Trägerverein agiert, Mitgesellschafter. Das zeigt, wie aus einer regionalen Initiative ein starkes überregionales Netzwerk werden kann.
Birkel: Ein echter Erfolg. Auch wenn der Übergang nicht einfach war – so etwas ist immer eine schwierige Geburt. Aber entscheidend ist: Das Thema bleibt in der Region verankert, und durch Hamburgs Beteiligung ist es nun noch schlagkräftiger.
Ein weiteres wichtiges Feld ist die Mobilität. Wie genau engagieren Sie sich da?
Krüger: Mobilität ist für unsere Region ein Dauerthema – alle spüren die Einschränkungen auf Straße und Schiene. Deshalb haben wir im Februar die Mobilitätsallianz für die Süderelbe-Region gegründet. Partner sind die drei Landkreise, die Hansestadt Lüneburg sowie Hamburg und Niedersachsen. Gemeinsam wollen wir Lösungen entwickeln, die über einzelne Kommunen hinausreichen. Ein Beispiel für nachhaltige Wirkung ist das Elbmobil, ein On-Demand-Shuttle, das wir über ein Förderprojekt gestartet haben. Es fährt bis heute – das ist echter Impact.
Birkel: Wichtig finde ich: Das Thema Mobilität kam von den Aktionären selbst. In einem Workshop haben wir abgestimmt, welches neue Thema wir bearbeiten sollten. Mobilität erhielt die meisten Stimmen – und daraus wurde die Allianz. Das zeigt, dass Aktionäre hier wirklich mitgestalten können.
Neben Ernährung und Mobilität – welche weiteren Themen spielen eine Rolle?
Krüger: Wir haben das OpenLab Mobile auf den Weg gebracht – ein Truck mit digitaler Fertigungstechnologie, der an Schulen und Unternehmen Wissen über 3D-Druck & Co. vermittelt.
Und wir betreiben unter dem Hashtag #besserhier Fachkräftemarketing. Außerdem kümmern wir uns um die Vermarktung von Gewerbeflächen – zuletzt etwa den LogIn-Park Elsdorf.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Ihren aktuell 115 und vielleicht bald noch sehr viel mehr Aktionären?
Krüger: Vor allem Aktivität. Neue Aktionäre sind schön, aktive sind besser. Wer Ideen einbringt und bei Projekten mitmacht, stärkt das gesamte Netzwerk.
Birkel: Genau. Mitgliedsbeiträge allein reichen nicht. Wir brauchen Aktionäre, die sich einbringen, sonst verschenken wir Potenzial. Die Süderelbe AG ist das Instrument, mit einer gemeinsamen Stimme gehört zu werden.
Zum Schluss der Blick nach vorn: Welche Herausforderungen stehen an?
Krüger: Wir sprechen oft von den „5 D“: Digitalisierung, Dekarbonisierung, Demografie, Disruption und Diversifizierung. Unsere Region steht wirtschaftlich gut da, mit überdurchschnittlichem Wachstum bei BIP und Beschäftigung. Aber wir haben Nachholbedarf bei der Innovationsfähigkeit – zum Beispiel bei F&E-Investitionen. Deshalb haben wir die „Zukunftsregion Süderelbe“ gestartet, mit drei großen Leitprojekten, je einem pro Landkreis, gemeinsam mit Wirtschaft und Hochschulen. Damit wollen wir gezielt Innovationskraft aufbauen.
Birkel: Die Herausforderungen gehen uns nicht aus – geopolitisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Umso wichtiger ist es, dass wir mit einer starken Stimme sprechen.
Vielen Dank für das Gespräch – und auf die nächsten 20 Jahre.
Podcast der Süderelbe AG
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