„Nur gemeinsam können wir den Wandel gestalten“

Mit der Stilllegung des Kernkraftwerks begann für Stade und die städtische Wirtschaftsförderung ein Strukturwandel. Thomas Friedrichs und Matthias Bunzel erklären im Interview, warum die Süderelbe AG dabei von Anfang an eine Schlüsselrolle spielte.

Herr Friedrichs, Sie waren zur Gründungszeit der Süderelbe AG noch Wirtschaftsförderer und damit Vorgänger von Matthias Bunzel. Wie ging es vor 20 Jahren los?

Thomas Friedrichs: Ich kann mich noch gut an die Aktionärsversammlung kurz vor Weihnachten 2004, 7.30 Uhr in Harburg, erinnern. Aber so ohne weiteres gründet man ja keine neue Aktiengesellschaft. Bereits drei Jahre zuvor hatte die damalige Bezirksregierung Lüneburg uns und weiteren Akteuren der Region die Idee vorgestellt, Wirtschaftsförderung nicht nur über kommunale Grenzen hinweg, sondern auch zusammen mit Unternehmen aus der Region zu betreiben. Im Ergebnis: Wir haben die Idee begrüßt und unterstützt, gemeinsam mit kommunalen Partnern und Unternehmen aus der Region zusammenzuarbeiten, denn wir sahen großen Handlungsbedarf für die wirtschaftliche Entwicklung der Region.

Sie sprechen damit die Abschaltung des Kernkraftwerks Stade an?

Friedrichs: Ja, richtig. Nachdem die überregionalen Zeitungen titelten, dass mit der Stilllegung „in Stade die Lichter ausgehen“, gab es eine Aufbruchstimmung. Zusammen mit dem Land und mit den Unternehmen haben wir ein Handlungsprogramm erarbeitet. Dieses zeigte auf, was wir tun müssen – und auch tun können, um die Wirtschaftskraft in der Region zu erhalten.

Und was hat das mit der Gründung der Süderelbe AG zu tun?

Friedrichs: In dieser Aufbruchstimmung und mit dem Schulterschluss aller Akteure errichteten wir das Technologiezentrum, gründeten den CFK-Valley Stade e.V. und brachten das Gründungszentrum an den Start – und über kommunale Grenzen hinweg, wurde ja die Süderelbe AG gegründet.

Lassen Sie uns nun in die Gegenwart und in die Zukunft schauen. Herr Bunzel, Sie sind seit drei Jahren als Wirtschaftsförderer in der Hansestadt Stade tätig. Was verbindet Sie mit der Süderelbe AG?

Matthias Bunzel: Bevor ich in Stade anfing, war ich lange Zeit Leiter der Geschäftsstelle der ARGE Maritime Landschaft Unterelbe. Deshalb weiß ich, dass Zusammenarbeit erforderlich ist, um etwas zu bewegen. Ich war daher froh, dass die Süderelbe AG bei meinem Start bereits aktiv war. Denn so wurde ich sofort in überregionale Projekte eingebunden und konnte auf ein bestehendes Netzwerk zurückgreifen.

Bevor wir über aktuelle Projekte sprechen: Es gab ja auch in den vergangenen Jahren einige vielversprechende Ansätze, Herr Friedrichs, oder?

Friedrichs: Ja, genau. Eines der aufwändigsten, und auch mit niedersächsischen Fördermitteln unterstützten Vorhaben, war das „stade-project 2021“, mit dem wir die Grundlagen für eine intensive Zusammenarbeit mit vielen Unternehmen gelegt haben. Ein weiteres war KNMP: In Kooperation mit dem damaligen CFK-Valley Stade haben wir das CFK-Knowhow aus Stade zusammen mit der Süderelbe AG in viele mittelständische Unternehmen der Region getragen.

Bunzel: Mir kommt noch das Format „Elbe trifft Leine“ in den Sinn. Regionale Akteure aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft treffen sich in Hannover mit Vertretern der Landesregierung und Landtagsabgeordneten, um regionale Themen zu platzieren und den Standort zu vermarkten. Eine solche Reichweite würden wir wohl nicht herstellen können – gemeinsam im Verbund klappt es.

„Gemeinsam“ ist auch für ein aktuelles Projekt das Stichwort …

Bunzel: Ja, denn wir haben gemeinsam mit der Süderelbe AG die „Zukunftsregion Süderelbe“ gebildet und werben damit Fördermittel des Landes in abgestimmter Weise in den Landkreisen Harburg, Lüneburg und Stade ein.

Und wird auch die Stadt davon profitieren?

Bunzel: Davon bin ich überzeugt. Wir haben vor, insbesondere vor dem Hintergrund der Fachkräftesituation, die MINT-Bildung zu stärken.

MINT-Bildung bedeutet konkret …?

Bunzel: Gerade in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik war Deutschland immer stark. Unternehmen berichten mittlerweile jedoch, dass wir mehr tun müssen, um unseren hohen Standard zu halten. Und da wir gut beraten sind, dies gemeinsam mit Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung anzugehen, planen wir ein OpenLab, ein Schülerlabor. Die Projektentwicklung Stade wird dazu einen Förderantrag bei der NBank stellen – Landkreis und Hansestadt Stade unterstützen das Projekt finanziell.

Wie kann man sich das praktisch vorstellen?

Bunzel: Unsere Mitarbeiterinnen Saskia Deckenbach und Jenne Wendt haben sich viele Gedanken dazu gemacht und gemeinsam mit vielen Akteuren, insbesondere mit IHK, Handwerkskammer, dem Bildungsbüro des Landkreises sowie den Forschungseinrichtungen, ein Konzept entwickelt, das jetzt weiter ausgearbeitet und umgesetzt wird.

Friedrichs: Und nachdem das Konzept steht, wollen wir dies später im H2AM unterbringen.

H2AM – was verbirgt sich hinter dieser Abkürzung?

Friedrichs: Mit Bremen und Bremerhaven sowie Hamburg gemeinsam ist es Stade gelungen, über 70 Millionen Euro Fördermittel des Bundes in den Norden zu holen. Gut 24 Millionen Euro gehen nach Stade. Beteiligt sind die Forschungseinrichtungen im CFK NORD, nämlich Fraunhofer, DLR und die Hochschulkooperation HP CFK. Die Projektentwicklung Stade wird circa neun Millionen Euro Fördermittel in ein neues Gebäude investieren, das neben dem Forschungszentrum CFK NORD stehen wird. H2AM bedeutet übrigens „Hanseatic Hydrogen Centre for Aviation and Maritime“ und soll unser Wissen im CFK-Leichtbau mit den Anforderungen von Wasserstoffanwendungen in der Luftfahrt und im Schiffbau verknüpfen. Und in diesem Gebäude wird auch das OpenLab untergebracht.

Und was ist Ihr Fazit von 20 Jahren Süderelbe AG?

Bunzel: Danke für die Zusammenarbeit und viele interessante Anstöße.

Friedrichs: Alles Gute für die Zukunft - und immer innovativ im Interesse der Region bleiben!

www.stadt-stade.info

www.projektentwicklung-stade.de

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Thomas Friedrichs, Geschäftsführer der Stadt Stade Beteiligungsgesellschaft mbH, war bei Gründung der Süderelbe AG der Leiter der städtischen Wirtschaftsförderung. Foto: Martin Elsen

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Matthias Bunzel, aktueller Leiter der Wirtschaftsförderung der Hansestadt Stade. Foto: Hansestadt Stade

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